9. Rallyetag (08.05.2011): Immer näher am Leben der Einheimischen

Nach einer kurzen Nachtruhe und einem morgendlichen Tee (denn unser Gastgeber wollte uns nicht ohne wenigstens mit einem Tee bewirtet zu haben, ziehen lassen), fuhren wir bei Sonnenschein und warmen Temperaturen gegen 07:00 weiter. Unser Ziel heute hieß Mersin, genauer gesagt der Hafen dort. Aufgrund der unsicheren Lage in Syrien musste das OK schnellstmöglich eine Ersatzroute organisieren, oder die Rallye wäre in der Türkei zu Ende gewesen. Der türkische Staat hatte sich in dieser Notlage bereiterklärt, einen Betrag von ca. 250.000 EUR zu spenden und wir konnten dadurch unsere Rallye fortsetzen. Als Dankeschön würden wir am Abend mit der Fähre auf den türkischen Teil Zyperns übersetzen und am Tag dort einmal die Insel umrunden. Auf dem Weg zu unserem Tagesziel wollten wir aber zunächst in Gazjantepe Halt machen, um den Platten an Markus’ und Roberts’ Auto zu beheben und um zusätzlich für einen Ersatzreifen zu sorgen. Wir wollten auch noch frühstücken, bevor es nach Mersin ging. In Gaziantepe angekommen, erkundigte sich unser Mittelsmann George unterwegs bei Passanten, wo wir einen Reifenhändler finden könnten. Schließlich hielt unser Tross in einer kleinen, ruhigen Straße mit mehren kleinen Läden. Vor einem ladenähnlichen Gebäude saß ein einzelner Mann im Schatten vor zwei kleinen quadratischen Tischen. Snezi dachte zuerst, dies sei ein typisches Teehaus. Ein junger Mann sprach uns an, und George erklärte ihm unser Anliegen. Der junge Mann erwiderte, dass er die Reifen für uns besorgen würde, wenn wir bei ihm einen Tee trinken würden und zeigte dabei auf das ladenähnliche Gebäude mit dem sitzenden Mann davor. Wir traten näher und im Gespräch stellte sich dann heraus, dass das ein Fanlokal des Fußballklubs Gaziantepe war, denn wir saßen im Außenbereich des heimischen Fußballstadions. Unser Gastgeber ließ Kleinigkeiten zum Frühstück auftragen wie schwarze Oliven, Käse, Tomaten und Gurken und eine leckere Erdbeermarmelade. Dazu Fladenbrot oder knusprige Sesamringe, die er einem Mann abkaufte, der letztere turmhoch auf einem Tablett auf seinem Kopf trug. George übersetzte und wir tauschten Fußballerfahrungen und Tabellenstände aus. Auf die Frage unserer Gastgeber, warum der VfB diese Saison so schlecht spielt wussten wir leider auch keine Antwort. Wie sich herausstellte, hatte der einheimische Fußballklub am Vortag durch einen Sieg Tabellenplatz 4 und somit die direkte Qualifikation für die EuropaLeague erreicht. Da wir noch einen Wimpel des VfB Stuttgart im Auto hatten, übergab Urs ganz offiziell und feierlich, auf einem Foto verewigt, das gute Stück. Wir erhielten als Gegengeschenk einen Schal des Fußballklubs Gaziantepe. Das Wetter war sehr schön (endlich mal kein Regen!) und wir beschlossen, dass wir uns in Mersin um die Ersatzreifen kümmern würden. Beim Kauf des Autoradios für unseren 300er TE hatte Markus beim Ofterdinger Schrotthändler die Telefonnummer seines Bruders, der in Mersin wohnte, bekommen. Wir sollten uns bei ihm melden, wenn wir Hilfe brauchten, was Markus auch umgehend tat. Wir gaben Gas und fuhren mit ca. 100 km/h statt 80 km/h auf der Landstraße entlang, als uns die Polizei rauswinkte. Wir ahnten was kommen würde: Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit. Dieser machte unterm Strich 140 türkische Lira pro Wagen. Na toll!! Der Strafzettel würde uns zugestellt werden, weswegen wir weiter fahren durften. Ohne größere Zwischenfälle kamen wir in Mersin am Hafen an. Es waren schon einige Teams dort, aber wir hörten, dass offensichtlich andere Teams in anderen Häfen angekommen waren und dort warteten. Es wurden Helfer zusammengestellt, die die anderen Teams aufgabeln und hergeleiten sollten. George und Markus machten sich auf den Weg zu dem Bruder des Ofterdinger Autohändlers. Derweil warteten die Teams arch-orient und Glockenstupfer zusammen am Hafen und aßen erstmal zu Mittag was die Kühlboxen und die Einkaufstüten hergaben. Nach kurzer Zeit kamen George und Markus zurück, der 300er mit neuen Reifen und in Begleitung des Bruders. Dieser hatte nach den landestypischen Gepflogenheiten einen gebührenden Empfang sowie eine Übernachtungsmöglichkeit für uns organisiert. Da wir jedoch noch am Abend mit der Fähe übersetzen sollten, mussten wir dieses Angebot leider ausschlagen, und so wollte er mitkommen, um sich vor Ort die Autos anzuschauen. Als er sich wieder verabschiedete machten sich Tobias, Robert, Werner, Urs und Snezi auf den Weg in die Innenstadt. Wir wollten eine Sightseeingtour machen und bei dieser Gelegenheit ein Internetcafé aufsuchen. Mit einem blauen Minibus, der etwa 15 Menschen aufnehmen konnte, fuhren wir zum Stadtzentrum. Dort angekommen spazierten wir an kleinen Supermärkten, Haarsalons und Bäckereien vorbei. Es gab viele kleine Imbisse und kleine Läden, die allerlei Süßigkeiten verkauften, allem voran die bekannte Baklava. Urs und Snezi fanden ein Internetcafé während Robert, Tobias und Werner ein kleines Lokal aufsuchten. Dort trafen Urs und Snezi nach erledigtem Bloggen wieder auf den Rest und wir tranken Kaffee. Es war schon etwas eigentümlich, denn in diesem Lokal saßen nur Männer und tranken entweder Kaffee oder Tee oder spielten Backgammon, eine typische Szene in der Türkei. Wir beschlossen, noch weiter ins Zentrum reinzugehen und zu Abend zu essen. An einem Imbiss, der mit Hamburgern warb, blieben wir stehen. Die Fenster waren alle offen, weswegen einer der jungen Köche uns auf der Straße entgegentrat und uns überredete, dort zu essen. Doch kaum saßen wir drin, wurden unsere Gesichter immer länger, denn es sah alles nicht allzu sauber aus. Da fanden sich einige Löcher in den Wänden und der Boden war, naja, an vielen Stellen schwarz. Es besänftigte uns ein wenig dass wir sahen, dass die Belegschaft den Boden nass wischte, allein, es half leider nichts. Es wurde nicht besser. Das Essen allerdings wurde frisch gemacht und es war in Ordnung. Wir beschlossen aber, sollten wir wieder in einem Imbiss essen müssen, vorher reinzuschauen. Mitten beim Essen erreichte uns auch ein Anruf von Markus. Er gab durch, dass die heutige Abfahrt abgesagt wurde und wir erst am nächsten Tag auf die Fähre gehen würden. Viele Teams hätten sich bereits eine Unterkunft gesucht. George sei dabei, für uns alle eine Bleibe zu organisieren, doch es würde erst entschieden, wenn wir alle wieder zusammen seien. Wir aßen auf und fuhren mit einem Taxi wieder zum Hafen. Dort entschieden wir, dass wir in ein 4-Sterne-Hotel gehen würden, allerdings zu einem Rallyetarif. Auf dem Parkplatz waren wir nicht die Einzigen mit bunten Klebern auf den Autos. Im Hotel erkundigte sich George nach einem Lokal, wo man auch Alkohol bekommen konnte. Wir machten uns kurz frisch und trafen uns in der Eingangshalle. Es wurden zwei Taxen organisiert und wir fuhren etwa 10 Minuten, bis wir zum Lokal kamen. Es waren wiederum nur Einheimische dort, diesmal allerdings Männer und Frauen gemischt, ein Unterschied zum Lokal in Malatya. Die Frauen in diesem Lokal hatten zum Teil auch richtige Abendgarderobe an. Wie wir später von George erfuhren, handelte es sich auch um ein kurdisches Lokal, und demnach gab es kurdische Musik. Wir bestellten. Es gab eine Band, die live spielte. Anhand des Beifalls konnte man in etwa erahnen, was die Hits bzw. beliebte Lieder waren. Dann und wann wagte sich ein Pärchen auf die Tanzfläche. Wir waren so in unsere Gespräche vertieft dass wir erstmal gar nicht mitbekamen, wie die Musik wechselte, und die Tanzfläche immer voller wurde. Es war ein Volkstanz mit einer einfachen, eigenständigen Choreografie bestehend aus etwa 4 Schritten, die jeder tanzen konnte. Es war sehr offensichtlich, dass die Tänzer sehr viel Freude hatten und wir schauten ihnen gebannt zu. Wäre die Musik nicht zu Ende gewesen, wären George und Snezi auch noch auf die Tanzfläche gegangen. Gegen 01:00, nach einem Abend mit anregenden und lustigen Gesprächen, guten Getränken und kleinen Knabbereien und mit viel guter Musik kehrten wir wieder ins Hotel zurück. Wir freuten uns, so unmittelbar am Leben der Einheimischen teilhaben zu können, was ohne George wohl so nicht möglich wäre.

SAG-OL und HVALA George!

Ach ja: Am Hotel angekommen teilten uns Markus und Gaby mit, dass sie jetzt auf dem Parkplatz noch ein Wulle zusammen trinken würden. Einige Glockenstupfer und Robert schlossen sich dem an. Was da alles gelaufen ist, wissen wir nicht; aber das aufgenommene Beweisfoto, das wir beim Frühstück sahen, das sagte alles!

    

          

  

Über archorient

Team 22 Allgäu-Orient-Rallye 2011
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